Auf dem Papier ist Österreichs Weinwelt klar geordnet. Der Grüne Veltliner steht an der Spitze, er allein macht fast ein Drittel der Rebfläche aus. Wer die Statistik weiter nach unten liest, stößt auf Sorten mit winzigen Anteilen. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die an Rebstöcken hängen, die viele für unpraktisch halten. Drei Geschichten zeigen, wie das aussieht.

Winzige Flächen, große Verwandtschaft

Der Zierfandler, auch Spätrot genannt, wächst laut Österreich Wein Marketing auf rund 62 Hektar, das sind 0,1 Prozent der gesamten Rebfläche. Beim Rotgipfler sind es etwa 111 Hektar. Der Name stammt von den rötlich-bronzierten Triebspitzen, die Trauben selbst sind weiß. Beim Zierfandler färben sich dagegen die Beeren gegen Ende der Reife rötlich, daher „Spätrot“.

Beide Sorten haben denselben Elternteil: den Roten Veltliner. Er ist ein Weißwein, trotz seines Namens. Er ist auch Elternteil des Neuburgers. Er wächst noch auf gut 200 Hektar, die Fläche geht seit 1999 zurück, weil viele Winzer in denselben Lagen lieber Grünen Veltliner pflanzen. Die Familie der Veltliner ist also viel größer, als das Etikett auf der Flasche vermuten lässt.

Traiskirchen: Ein Weingut als Arche

Wer wissen will, was der Zierfandler kann, landet bald in Traiskirchen südlich von Wien. Das Weingut Stadlmann widmet sich laut Falstaff seit 1780 dem Weinbau. Bernhard Stadlmann führt es in achter Generation und hat den Betrieb mit dem Jahrgang 2006 von seinem Vater Johann übernommen. Er hält drei Doktorgrade und hat sich trotzdem für die Arbeit im Weingarten entschieden.

Die Ried Mandel-Höh ist das Zuhause des Zierfandlers. Ihre Böden sind trocken und durchlässig und speichern kaum Wasser oder Nährstoffe. Stadlmann erzählte einem US-Importeur, seine Familie arbeite dort seit mehr als 170 Jahren. Die Sorte macht es einem nicht leicht. Sie reift sehr spät und ist meist die letzte, die gelesen wird. Sie braucht einen warmen, trockenen, langen Herbst. Ihre Beeren sind dünnschalig und damit anfällig für Frost und Botrytis. Das erklärt, warum sie bei Winzern lange wenig beliebt war: Der Aufwand im Weingarten ist hoch, der Ertrag gering. Erst in den letzten Jahren steigt das Interesse wieder. Große Mengen wird es trotzdem nie geben.

Im Keller setzt Stadlmann auf Tradition. Der Zierfandler aus der Ortslage Traiskirchen vergärt spontan in großen, neutralen Holzfässern und liegt fast ein Jahr auf der Feinhefe. Historisch wurden Zierfandler und Rotgipfler auch gemeinsam abgefüllt, als Spätrot-Rotgipfler, wie ihn die Gegend um Gumpoldskirchen kennt. Ein Importeur schreibt, ein Rotgipfler aus der Thermenregion habe bei der Pariser Weltausstellung 1855 den ersten Preis gewonnen. Das sollte man vor einer Veröffentlichung noch gegenprüfen.

Wien: Orchester statt Geige

Der Gemischte Satz ist keine Rebsorte, sondern eine Haltung: Verschiedene Sorten stehen im selben Weingarten, werden gemeinsam gelesen und gemeinsam gepresst. Bis ins späte 19. Jahrhundert war das üblich. Dann kam die Reblaus, 1872 in Klosterneuburg zum ersten Mal entdeckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängte die Drahtrahmenerziehung die alten Anlagen. In Wien blieb der Gemischte Satz am Leben, als einfacher Heurigenwein. Ein altes Sprichwort sagt: Eine Rebsorte ist eine Geige, der Gemischte Satz ein Orchester.

Dass er heute als Qualitätswein gilt, ist eine Wiener Erfolgsgeschichte. 2006 gründeten vier Winzer die Gruppe WienWein, 2008 nahm Slow Food den Gemischten Satz in die Arche des Geschmacks auf. Ab dem Jahrgang 2013 gibt es den Wiener Gemischten Satz DAC. Er muss aus mindestens drei weißen Qualitätsrebsorten bestehen, keine darf über 50 Prozent liegen, die drittstärkste muss mindestens 10 Prozent erreichen.

In alten Weingärten finden sich Raritäten wie Roter Riesling, Gutedel, Grüner Portugieser, Rosenmuskateller, Österreich Weiß oder Jubiläumsrebe. Hermann Prager nennt einen seiner Weine „Ursatz“. Bei diesem können selbst erfahrene Önologen nicht mehr alle Sorten bestimmen. Rainer Christ vom Weingut Christ sagt in einem Biorama-Interview:

„Wenn im Gemischten Satz einzelne Rebsorten dominant werden, ist das Produkt misslungen.“

Das Weingut Fuhrgassl-Huber wiederum nennt die alte Anbauform ein Rezept gegen den Klimawandel. Der Betrieb will alte Sorten schützen, ohne Neues auszuschließen. Die Ried Gollin am Nussberg ist schon seit 1315 als „Colein am Nussberg“ urkundlich belegt, ihre Reben wurden 1960 und 1992 gepflanzt.

Eisenstadt: Detektivarbeit im Archiv

Die vielleicht ungewöhnlichste Geschichte beginnt in einer Bibliothek. Franz Xaver Lehner, Obmann des Eisenstädter Weinbauvereins, forschte an der BOKU über Rebsorten aus der Zeit Joseph Haydns. 2008 stieß er in alten Büchern auf eine „schwarze Schmeckende“, den Schwarzen Muskateller. Ein Text von 1837 beschreibt sie als weit verbreitet, aber überall nur in kleinen Mengen. In einem internationalen Sortenkatalog fand er sie unter anderem als Muscat de Noir Eisenstadt. Nach acht Jahren Recherche und Analyse konnte sie in Eisenstadt wieder gepflanzt werden. Auf der Riede Feiersteig von Winzer Erwin Tinhof kamen 300 Setzlinge in den Boden.

Die Besonderheit: Es ist eine blaue Traube, aus der kein Rotwein entsteht, sondern ein sehr heller Weiß- oder Roséwein mit feinen Muskatnoten. Am 26. März 2025 wurde der Wein im Eisenstädter Rathaus erstmals verkostet, die Veranstaltung wurde mehrfach als Weltpremiere bezeichnet. Die Auflage ist winzig: rund hundert Flaschen, jede nummeriert und gegen eine Spende für „Eisenstadt hilft“ erhältlich. Tinhof betont, ihm sei keine andere Rebsorte weltweit bekannt, die den Namen einer Stadt trägt.

Altes Wissen, neue Neugier

Die drei Geschichten haben etwas gemeinsam. Sie handeln von Sorten, die wirtschaftlich leicht zu übersehen wären, und von Menschen, die sich trotzdem Zeit nehmen. Mal ist es die Beharrlichkeit einer Familie über acht Generationen, mal die Hartnäckigkeit eines Forschers im Archiv, mal der Zusammenschluss von Winzern, die einen vergessenen Heurigenwein zur DAC-Herkunft machen. Ob die Raritäten je mehr werden als Nischen, ist offen. Wer sie sucht, findet jedenfalls Weine, die nach ihrem Ort schmecken und nach den Menschen, die dort arbeiten.

Quellen: www.oesterreichwein.at, www.oesterreichwein.at, www.oesterreichwein.at, www.winzerblog.at, www.tt.com, www.falstaff.com, www.rosenthalwinemerchant.com, www.grapecollective.com